Am 07. Mai 2026 spielte in der Frieda23 der Film »Remember Me« von Lukas Olszewski mit anschließendem Filmgespräch. Dazu waren der Regisseur, sowie Dr. Karen Lagies und Kerstin Paprzik (Deutsche Alzheimer Gesellschaft, Landesverband M-V) eingeladen. In Kooperation mit der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Landesverband M-V e.V. konnten wir einen eindrucksvollen Filmabend anstoßen, der Frau Dr. Lagies zu einem Artikel bewogen hat, den wir an dieser Stelle veröffentlichen möchten. Dieser enthält sowohl einen Eindruck zu dem Abend, als auch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz, sowohl im Sinne des Films, als auch allgemein. Wir möchten uns für diesen Beitrag bedanken!
Wenn etwas nicht stimmt – aber was eigentlich?
Frontotemporale Demenz
von Dr. Karen Lagies
Es gibt Abende, die weit über eine Filmvorführung hinausgehen. Abende, an denen Menschen gemeinsam versuchen zu verstehen, was sich eigentlich kaum in Worte fassen lässt.
Die Vorführung des Films »Remember Me« von Lukas Olszewski im li.wu. Rostock mit anschließender Diskussionsrunde war ein solcher Abend.
Der Film erzählt die Geschichte einer jungen Familie, in der sich langsam etwas verändert. Nicht plötzlich. Nicht eindeutig. Nicht dramatisch erklärbar. Sondern schleichend, irritierend, diffus. Und gerade darin liegt seine außergewöhnliche Kraft.
Denn »Remember me« funktioniert nicht wie eine klassische Filmerzählung. Szenen stehen scheinbar lose nebeneinander. Verschiedene Sprachen wechseln sich ab — deutsch, englisch, schwedisch. Gespräche bleiben unvollständig. Übergänge fehlen. Nichts wird erklärt.
Doch genau dadurch entsteht etwas Bemerkenswertes:
Der Zuschauer erlebt selbst dieses unbestimmte Gefühl, das Angehörige von Menschen mit Frontotemporaler Demenz (FTD) oft über Jahre begleitet: Irgendetwas stimmt nicht. Aber was eigentlich?
Die fragmentierte Erzählweise wirkt dabei nicht wie ein künstlerischer Effekt um seiner selbst willen. Sie wird vielmehr zu einer Übersetzung der inneren Realität dieser Erkrankung — des Chaos, der Hilflosigkeit, der Verunsicherung, die Familien erleben, lange bevor überhaupt eine Diagnose im Raum steht.
Besonders eindrücklich ist dabei, dass Lukas Olszewski nicht lediglich als Regisseur oder Schauspieler auf diesen Stoff blickt. Er erzählt die Geschichte seiner eigenen Familie — die Geschichte seiner an einer Frontotemporalen Demenz erkrankten Partnerin, seiner Tochter und damit auch seine eigene Geschichte als Angehöriger. Vielleicht erklärt gerade dies die schonungslose Ehrlichkeit und emotionale Wucht des Films.
Ich saß an diesem Abend selbst mit in der anschließenden Gesprächsrunde - als Ärztin einer Gedächtnisambulanz. Ich stelle fast täglich Demenzdiagnosen, führe Gespräche mit Betroffenen und Angehörigen, erkläre Symptome und Krankheitsbilder, versuche zu begleiten, zu behandeln und Halt zu geben, wenn mit einer Diagnosestellung erst einmal alles einzustürzen droht. Und natürlich berühren mich diese Geschichten.
Ich nehme den ein oder anderen Gedanken auch mit nach Hause. Ich empfinde Mitgefühl, Betroffenheit, mitunter auch Traurigkeit. Doch normalerweise gelingt es mir sehr gut, eine professionelle Grenze zu wahren — eine notwendige Distanz zwischen meinem eigenen Leben und dem Leid der Menschen, denen ich in meiner täglichen Arbeit begegne. Eine Grenze, die manchmal auch kurz verschwimmt, im Alltag jedoch meist tragfähig bleibt und mich schützt.
In diesem Film gelang mir das nicht - »Remember me« zog mich emotional mitten hinein in die Geschichte. In die Verunsicherung. In die Erschöpfung. In die Hilflosigkeit. In das langsame Gefühl, einen geliebten Menschen zu verlieren, obwohl er körperlich noch da ist.
Darin liegt auch die besondere Kraft dieses Films: Er erklärt die Erkrankung nicht — er macht sie erfahrbar.
Nichts wirkt distanziert oder konstruiert. Vielmehr entsteht der Eindruck eines zutiefst persönlichen Versuches, etwas sichtbar zu machen, das für Außenstehende oft kaum nachvollziehbar ist.
Und vielleicht war genau das an diesem Abend so besonders: Dass weder der Film noch die anschließende Diskussion einfache Antworten angeboten haben. Stattdessen wurde Ambivalenz ausgehalten: Liebe und Überforderung. Nähe und völlige Fremdheit. Wut und Schuldgefühle. Funktionieren-Müssen und langsames Zerbrechen.
Die Frontotemporale Demenz gehört zu den selteneren neurodegenerativen Erkrankungen, ist jedoch eine der häufigsten Demenzformen bei jüngeren Menschen. Viele Betroffene erkranken bereits zwischen dem 45. und 65. Lebensjahr — also mitten im Berufs- und Familienleben. Anders als bei der Alzheimer-Erkrankung stehen anfangs nicht Gedächtnisstörungen im Vordergrund, sondern Veränderungen der Persönlichkeit, des Sozialverhaltens und der Emotionen. Betroffene wirken plötzlich distanzlos oder apathisch, verlieren Empathie, treffen unangemessene Entscheidungen, entwickeln enthemmtes Verhalten oder ziehen sich völlig zurück. Manche Erkrankte verändern ihr Essverhalten, andere wirken impulsiv oder emotional kaum noch erreichbar. Manchmal kommen Sprachstörungen hinzu. Gerade weil diese Symptome zunächst oft nicht wie eine »klassische Demenz« erscheinen, wird die Erkrankung häufig erst spät erkannt.
Im anschließenden Filmgespräch beantwortete Lukas Olszewski die Fragen aus dem Publikum mit unglaublicher Offenheit. Gemeinsam mit Kerstin Paprzik, die als Fachpflegekraft täglich mit Menschen mit Demenz arbeitet, entstand eine intensive Diskussion über die Erkrankung und die Lebensrealität von betroffenen Familien - über Hilflosigkeit, Überforderung, fehlende Strukturen, aber auch über Würde, Beziehung und den Versuch, Menschlichkeit unter schwierigsten Bedingungen zu bewahren.
Und genau deshalb ist Aufklärung über die Erkrankung so wichtig.
Viele Menschen verbinden den Begriff »Demenz« ausschließlich mit hohem Alter und Vergesslichkeit. Dass sich eine FTD häufig zunächst durch Veränderungen der Persönlichkeit und des Verhaltens zeigt — durch Enthemmung, Aggressivität, Apathie, mangelnde Empathie oder sozial völlig unangepasstes Verhalten — wissen selbst viele Fachpersonen außerhalb spezialisierter Bereiche kaum. Gerade deshalb beginnt für viele Familien ein jahrelanger Irrweg: Konflikte im sozialen Umfeld. Paartherapien. Missverständnisse. Psychiatrische Diagnosen. Schuldzuweisungen. Kontakte mit der Polizei.
Angehörige kämpfen oft über eine ungeheuer anstrengende, lange Zeit gegen den Eindruck an, der betroffene Mensch sei »egoistisch«, »faul«, »manipulativ«, »bösartig« oder absichtlich verletzend. Dabei handelt es sich um eine schwere neurodegenerative Erkrankung.
Besonders erschütternd ist die Situation häufig für Kinder. Denn ein Elternteil ist körperlich noch da — verändert sich aber vor ihren Augen so sehr, dass Beziehung und Vertrautheit langsam verloren gehen. Viele Kinder übernehmen früh Verantwortung, versuchen zu stabilisieren, funktionieren still mit. Und verlieren dabei oft ein Stück ihrer eigenen Kindheit.
Der Abend im li.wu. Rostock hat eindrucksvoll gezeigt, wie dringend mehr Wissen über diese Erkrankung gebraucht wird — nicht nur in der Medizin und Pflege, sondern unserer gesamten Gesellschaft. Denn Verständnis kann erst entstehen, wenn Menschen überhaupt lernen, das Verhalten einzuordnen. Und Hilfe kann erst beginnen, wenn die Krankheit gesehen wird.
Sie möchten mehr über diese Erkrankung erfahren und/oder suchen Unterstützung:
https://www.dgftd.de
https://alzheimer-mv.de
https://www.ggp-gruppe.de/therapie-reha-erwachsene/tageskliniken-und-pia/tagesklinik-und-pia-gerontopsychiatrie#c2446